65 Nothing Phone 3 Testbericht: Ich mag es, aber ich würde es mir selbst nicht kaufen

Ästhetik versus Langeweile

 

Wie ich in der Einleitung bereits erwähnte, ist das Nothing Phone 3 vor allem ein mutiger Versuch, sich von der Masse der anderen Smartphones abzuheben.

Sie werden mir zustimmen, dass die Designsprache der meisten dieser Geräte eintönig und manchmal sogar schmerzhaft eintönig ist.

Hätte die Marke Nothing, ähnlich wie der chinesische Markt, beispielsweise versucht, eine weitere Neuinterpretation des iPhones zu entwickeln, hätte wohl niemand je von ihr gehört.

Und sie hätte sicherlich nicht so viel Aufmerksamkeit erregt, und das weiß ich zu schätzen. Ich bewundere diesen Einfallsreichtum und diesen Mut.

Ich sehe mir dieses Smartphone an und denke mir: Da muss jemand einen Riesenspaß gehabt haben, etwas so völlig Unernstes in der Tech-Branche zu entwickeln und es dann auf den Markt zu bringen.

Sie scheuen sich nicht, gegen den Strom zu schwimmen, besonders der Chef dieses Projekts. Er kommentierte kürzlich in einem Video die negativen Kritiken von YouTubern zum ersten Flaggschiff von Nothing.

 

Während Apple die Kommentarfunktion unter seinen Videos deaktiviert, veröffentlicht Nothing ein Video, in dem die betreffende Person sich den Kritikern persönlich stellt.

Zugegeben, mit diesem Video hat er sich keinen Gefallen getan, aber ich bewundere seinen Mut.

 

Erster Eindruck und Verpackungsdetails

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre dem Design gegenüber nicht skeptisch gewesen.

Aber nachdem ich das Handy ausgepackt hatte, dachte ich: Ich liebe diesen Wahnsinn – dass ein paar Spinner in London so etwas erfinden und nicht einfach nur eine weitere Smartphone-Fabrik gründen, die versucht, irgendetwas zu sein.

Hier ist alles anders, angefangen bei der Verpackung, die uns wie immer begrüßt. Es sieht aus, als hätten wir gerade eine Sammleredition des Geräts erworben.

Alles harmoniert perfekt, ist designorientiert und einfach hinreißend. Diesmal gibt es eine interessante Neuerung: das EU-Label.

Es liefert Informationen über die Energieklasse des Smartphones sowie über die Lebensdauer des Akkus, die vom Hersteller erwartete Anzahl an Ladezyklen, die Reparaturfreundlichkeit, die Haltbarkeit und die Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen – in diesem Fall IP68.

 

 

Interessant. Das ließe sich in alle möglichen Geräte integrieren.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich lese ungern Filmkritiken, bevor ich einen Film sehe. Tatsächlich lese ich oft nicht einmal die Inhaltsangaben.

Ich möchte einfach ein möglichst unverfälschtes Erlebnis, eines, das ich in Ruhe verarbeiten kann. Erst dann vergleiche ich meine eigene Einschätzung mit den Meinungen anderer.

Deshalb habe ich mich im Vorfeld nicht groß über dieses Handy informiert. Ich wusste zwar, wie es aussieht, und der Eindruck in natura war viel besser als erwartet, aber mir war nicht bewusst, wie dick das Handy tatsächlich ist.

 

Ich habe mich daran gewöhnt, dass die meisten Smartphones heutzutage etwa 7-8 Millimeter groß sind.

Hier sehen wir ganze 9 Millimeter, was unübersehbar ist, wobei das Gewicht des Geräts durchaus akzeptabel ist.

Dennoch ist es ein beachtliches Stück Masse – die abgerundeten Ecken sind hier der einzige Lichtblick.

 

GlyphMatrix, Dioden und die Philosophie des Fokus

Kommen wir noch einmal kurz auf dieses Design zurück. Diesmal hat der Hersteller auf sein bewährtes Glyph-LED-System verzichtet.

Stattdessen hat er sich für die sogenannte GlyphMatrix entschieden – eine kreisförmige LED-Oberfläche, die verschiedene Informationen, Benachrichtigungen und einfache Interaktionen anzeigen kann.

Die Steuerung erfolgt über einen unten angebrachten Knopf mit haptischem Feedback. Die Designer betonen, dass dieses Element mit Blick auf Konzentration und gute Gewohnheiten entwickelt wurde.

Anders ausgedrückt: Es soll uns dazu anregen, unsere Smartphones häufiger mit dem Display nach unten zu legen, damit wir den Bildschirm nicht jedes Mal aktivieren, wenn wir einen Benachrichtigungston hören oder etwas zu hören glauben.

Ich schätze diesen – um es mal so auszudrücken – menschlichen Umgang mit Smartphones, befürchte aber, dass hier mehr verstecktes Marketing als echte Absicht dahintersteckt.

Tatsächlich ist es am besten, das Smartphone einfach in einen anderen Raum zu legen oder ohne elektronische Geräte spazieren zu gehen, um dem Kopf eine Pause zu gönnen.

Diese Funktion wird sich in Zukunft vielleicht als praktischer erweisen, da der Hersteller glücklicherweise eine Reihe von Tools und Anleitungen für Entwickler bereitgestellt hat.

Ein weiteres interessantes Merkmal ist die rote LED, die aufleuchtet, sobald eine Videoaufnahme erfolgt.

Das Smartphone ist wieder in zwei Farbvarianten erhältlich, nämlich schwarz und weiß. Wenn Sie der Fingerabdruckeffekt stört, empfehle ich Ihnen definitiv die weiße Variante.

 

Ein halbherziges Flaggschiff

 

Okay, warum heißt dieser Blogbeitrag „Ich mag es, aber ich würde es mir selbst nicht kaufen“? Ich erkläre es.

Es ist schon eine Weile her, dass mir ein Smartphone untergekommen ist, bei dem die Balance zwischen Marketingkommunikation und Hardware so schlecht ist.

Die Marke betont ausdrücklich, dass dies ihr erstes Flaggschiff-Smartphone ist, und wer daran zweifelt, braucht sich nur den Preis anzusehen.

Aktuell kostet die Variante mit 12 GB RAM und 256 GB Speicher 600 Euro Die Variante mit 16 GB RAM und 512 GB Speicher ist derzeit bei einer Elektronikkette zum gleichen Preis erhältlich, was die Begeisterung etwas dämpft.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Nothing Phone 2 vor zwei Jahren in der 12/256-Variante ab 650 Euro erhältlich war.

Es gab auch eine 8/128-Version für 500 Euro  aber Nothing entschied offenbar, dass eine solche Variante nicht unbedingt die Assoziation mit einem Flaggschiff wecken würde.

Wir sprechen hier allerdings von einer Preisklasse deutlich über 600 Euro in der die Marke bisher vorwiegend das Budget- und Mittelklassesegment bedient hat.

Diesmal betritt sie einen Markt, auf dem man für diesen Preis ein vollwertiges Flaggschiffmodell erwerben kann. In diesem Segment ist Sparen keine gute Idee.

Leider beweist das Nothing Phone 3 fast immer wieder, dass es für seinen Preis nicht die beste Wahl ist – getreu dem Motto: Wer zahlt, kann auch erwarten.

Hier zahlt man zwar, aber man kann nicht alles haben. Selbst die Verarbeitungsqualität ist fragwürdig. Immerhin haben wir hier ein AMOLED-Display.

Ein flüchtiger Blick auf die Spezifikationen lässt vermuten, dass wir hier absolute Spitzenklasse erhalten – gleichmäßige, symmetrische Bilder, brillante Farben, hohe Pixeldichte, hohe Helligkeit, hohe Touch-Abtastrate und eine hohe Bildwiederholfrequenz.

Gleichzeitig haben wir jedoch eine geringere Bildwiederholfrequenz – von 30 auf 120 Hz – und das Display selbst ist nur durch Gorilla Glass 7i der Mittelklasse geschützt.

Das sind deutliche Einsparungen. Bei diesem Preis sucht hier niemand nach Schnäppchen.

Kommen wir zum nächsten Thema. Die meisten Flaggschiffmodelle dieses Jahres basieren auf dem Snapdragon 8 Elite oder anderen, ähnlich leistungsstarken Prozessoren.

Nothing hingegen setzt auf einen Chip, der zwar nicht schwach ist, aber eher den Flaggschiffmodellen des Vorjahres entspricht.

Und wir sprechen hier von einem Smartphone, das nach zwei Jahren Pause zurückkehrt.

Der Snapdragon 8s Gen 4 ist natürlich eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Nothing Phone 2. Das Smartphone läuft im Alltag flüssig und lässt kaum Wünsche offen.

Vergessen wir aber nicht, dass es auch mit den Besten verglichen wurde. Und es gibt viele Enthusiasten, die Benchmarks lieben.

Außerdem erhitzt sich das Handy bei längerer Nutzung der Kamera-App sehr schnell. Ich hoffe, dieses Problem wird im nächsten Update behoben.

 

Wenn dieses Handy etwa 400 Euro kosten würde – wie das Poco F7, das ebenfalls denselben Prozessor verwendet und darüber hinaus UFS 4.1 statt 4.0 unterstützt –, hätte diese Diskussion gar nicht stattgefunden.

Währenddessen versucht uns jemand weiszumachen, dass es sich hier um ein echtes Flaggschiff handelt, weil es in einer Variante mit 16 GB RAM erhältlich ist.

Gleichzeitig soll es ein „echtes Flaggschiff“ sein, das USB 2.0 unterstützt. Nun ja, das stimmt so nicht ganz.

 

Kameras, Leistung und Akku

 

Die Dreifachkamera mit ihren 50-Megapixel-Sensoren lässt vermuten, dass es sich um ein Flaggschiffmodell handelt.

Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Komponenten wird jedoch schnell deutlich, dass es hier mehr um die Vision des Produkts als um seine tatsächliche Leistung geht.

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wir durch die Wahl des Flaggschiffmodells von Nothing am Ende ein Gerät erhalten, das uns außerhalb der Spitzengruppe platziert.

Das Hauptgerät verfügt über ein recht gutes Display, das jedoch alles andere als herausragend ist.

 

 

Die beiden anderen Kameras würde ich als durchschnittlich bezeichnen. Beide verwenden sehr kleine Sensoren, was ihre Lichtleistung von vornherein beeinträchtigt.

Der Makromodus mit seinem 3-fachen optischen Zoom verdient hingegen Lob, da er eine relativ kurze Fokussierdistanz ermöglicht.

 

 

Die Situation wird durch einen 5150-mAh-Silizium-Kohlenstoff-Akku gerettet.

Obwohl dies angesichts der Technologie und der Gehäusegröße nicht beeindruckend ist, lässt sich die geringe Energieeffizienz glücklicherweise kaum bemängeln.

 

 

Es ist gut und wir können uns hier innerhalb von zwei Tagen problemlos fortbewegen.

 

 

Ich halte die 65-Watt-Ladeleistung für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, das die meisten Nutzer zufriedenstellen wird.

Wir bieten außerdem kabelloses Laden und Reverse Charging an.

 

System-, Schnittstellen- und Gesamtbewertung

 

Das zweite Merkmal, das die Stärke und das Potenzial dieses Geräts immer wieder unterstreicht, ist das nahezu unverfälschte Android-Erlebnis mit einer schlanken und ästhetisch ansprechenden Benutzeroberfläche.

Die Oberfläche mit ihren fehlenden App-Bezeichnungen und den monochromen Symbolen von Nothing mag anfangs etwas gewöhnungsbedürftig sein, ist aber im Grunde gut durchdacht.

Ich halte mich an den Grundsatz „Weniger ist mehr“. Niemand überhäuft uns hier mit Funktionen, weshalb ich den Sinn von Essential Key und der Notizfunktion nicht ganz verstehe.

Die universelle Suchfunktion innerhalb von Essential Search schätze ich aber sehr.

Dadurch erhalten wir Zugriff auf Smartphone-Inhalte und können beliebige Fragen direkt über die Gemini-Smartwatch stellen.

Zukünftig werden dadurch auch personalisiertere Ergebnisse erzielt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Design zwar interessant ist, diesmal aber hinsichtlich des Geräteinhalts und der Marketingkommunikation völlig über das Ziel hinausgeschossen ist.

Meiner Meinung nach soll damit versucht werden, uns einzureden, dass dieses im Grunde genommen Mittelklasse-Smartphone mit Pixel-Geräten, dem OnePlus-Flaggschiff oder Samsung-Geräten verglichen werden kann.

Es ist toll, dass die Marke immer wieder versucht, Langeweile zu bekämpfen, dass die erwähnte Symmetrie so einleuchtend ist und dass es sich lohnt, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Aber mir fehlt noch etwas.

Wenn dieses Smartphone nicht nur optisch, sondern auch technisch überzeugen würde und damit oft teurere Modelle wie das POCO F7 Ultra in den Schatten stellt, würde ich begeistert applaudieren.

Dies wäre nicht nur ein Beweis für ausgeprägten Individualismus und Originalität, sondern auch, in gewisser Weise, ein Schlag ins Gesicht für die großen und manchmal allzu ernsten Akteure, die sich die Lorbeeren für die Entwicklung großartiger Missionen zuschreiben.

Man musste lediglich an der Rhetorik des mittleren Preissegments festhalten und den Preis um etwa 250 Euro senken.

Man gewinnt den Eindruck, dass Nothing mehr daran interessiert ist, sich mit seinen früheren Versionen zu messen als mit seiner Umgebung.

 

Teilt mir eure Meinung zum neuesten Angebot von Nothing mit und lasst mich wissen, ob hier Besitzer älterer Modelle anwesend sind. Vielen Dank für eure Zeit und euer Interesse. Bis bald!

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